Der Notendurchschnitt ist nicht der einzige Maßstab dafür, welche Schule ein Kind nach der vierten Klasse besuchen soll. Schon lange ist grundsätzlich jeder Abschluss mit jeder Schulart erreichbar, und mittlerweile ist auch die auf dem Notendurchschnitt basierende Grundschulempfehlung nicht mehr bindend (bundesweit, außer in Bayern). Worauf es bei der Entscheidung über die weitere Schullaufbahn tatsächlich ankommt, darüber hat „KidS“-Redakteurin Almut Grote mit dem Ulmer Schulpsychologen Dr. Gerhard Mahler gesprochen.

 

Wenn die Noten nicht mehr das Maß aller Dinge sind und das Abitur im Prinzip auch von der Hauptschule aus zu erreichen ist, woran können Eltern festmachen, welche Schule die richtige für ihr Kind ist?

Nach wie vor ist die Begabung ein wesentlicher Faktor für die Entscheidung für eine Schulart. Die Noten spiegeln zwar nicht eins zu eins die Begabung des Kindes wider, aber ein Indiz sind sie schon. Im Zweifelsfall können Intelligenztests als weitere Entscheidungshilfe dienen.

Welche Faktoren können noch mit einfließen?

Neben der Begabung geht es um das Lern- und Arbeitsverhalten eines Kindes, also wieviel Lust, Motivation, Disziplin, Strukturiertheit hat ein Kind in der Art wie es sich mit dem Lernstoff auseinandersetzt. Psychische und körperliche Stabilität spielt eine Rolle beim Thema Schulerfolg, das Verhältnis der Schüler in der Klasse, Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, familiäre Belastungen, Freizeitgestaltung, Förderangebote und Möglichkeiten im familiären Setting spielen eine Rolle und noch mehr…

Bietet zum Beispiel die Realschule etwas grundsätzlich anderes, was das Gymnasium nicht bietet?

Die Haupt-/Werkrealschule zeichnet die größte Berufsorientiertheit aus, dies soll durch praxisnahen Unterricht gewährleistet werden. Es bestehen Bildungspartnerschaften zwischen Schule und Betrieben. Berufsvorstellungen werden entwickelt. Die Realschule ist theoretisch breiter und tiefer aufgestellt als die Haupt- /Werkrealschule, bietet aber immer noch einen deutlichen Praxisbezug. Sie ermöglicht sowohl einen nahtlosen Übergang in das berufliche Schulwesen als auch eine gute Orientierung und Fundierung für das duale Ausbildungswesen.

Wenn ein Kind also auch mit weniger Anstrengung bis zur mittleren Reife kommen und darauf ja immer noch ein Abitur aufbauen kann, wer sollte dann überhaupt noch aufs Gymnasium gehen?

Es gibt schon Kinder, die in der Schule nachgerade aufgehen, man könnte sagen, sie lernen ausgesprochen gern, haben Freude am System Schule und Lust auf die breite Allgemeinbildung des Gymnasiums.

Worauf kommt es denn grundsätzlich an?

Das wichtigste ist, dass das Kind sich während seiner Schullaufbahn wohl fühlt. Wenn ein Kind an einer zu schweren Schulart ist, leidet sein Selbstwertgefühl. Der Mensch braucht Erfolgserlebnisse, dann kann seine Persönlichkeit sich so entwickeln, dass er auch mit einem Hauptschulabschluss ein glückliches, zufriedenes Leben führt. Der bloße Begriff „Hauptschule“ ist allerdings inzwischen so stigmatisiert, dass die Umwidmung in Mittel- und Werkrealschulen geradezu notwendig war. Ich persönlich begrüße sehr die Entwicklung in Richtung Gemeinschaftsschulen, in denen die Kinder differenziert nach ihren Begabungen gefördert werden können. Die wichtigste Entscheidungshilfe ist das Gespräch mit den Lehrkräften, der Austausch über die unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnisse in Schule und Elternhaus. Außerdem gibt es gute Veröffentlichungen des Kultusministeriums, z. B. „Bildungswege in Baden-Württemberg – Wissenswertes für Eltern.“

 

Übersicht der weiterführenden Schulen in der Region